DHG Fidelitas-Karlstein

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Entscheidungsfreiheit

Eine Rede von Frank Schröder anläßlich der Gründungstagkneipe am 26.06.2004


Liebe Farbenbrüder, liebe Gäste,

zunächst einmal freue ich mich, dass ihr alle gekommen seid und euch entschieden habt, anlässlich unseres 21. Gründungstages zusammen diese Kneipe zu feiern und damit - nun unausweichlich - auch in den Genuss meiner Rede zu kommen.
Auch ich musste mich entscheiden, nein nicht nur, ob ich heute komme, sondern vor allem entscheiden, welchem Thema ich meine Rede denn widmen soll. Eine nicht gerade leichte Aufgabe. Schwirren doch in meinem Kopf ein Vielzahl von Themen herum, über die ich gerne mal etwas gesagt hätte.
Bevor ich aber bei dem scheinbar ausweglosem Verfahren, mich für ein Thema zu entscheiden, mein Hirn endgültig zermartert hatte, beschloss ich schießlich mich dem eigentlichen Problem zuzuwenden:
Kann ich mich überhaupt entscheiden? Bin ich, ist ein Mensch in der Lage, freie Entscheidungen zu treffen?

Das Thema meiner heutigen Rede lautet also „Entscheidungsfreiheit“, vielleicht auch „Willensfreiheit“ und ich will es vor allem unter naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten beleuchten.

Die Frage nach der Willensfreiheit ist sehr alt und begleitet unsere westliche Welt schon seit der griechischen Philosophie. Im Mittelalter wurde sie dann vor allem unter religiösen Gesichtspunkten diskutiert, ein Aspekt der aber auch danach, sogar in unserer Zeit nicht zu vernachlässigen ist.
So glaubten die kalvinistischen Protestanten an einen allwissenden Gott, der nicht nur die Zukunft jedes einzelnen Menschen im Diesseits und im Jenseits kennt, sondern diese auch vorherbestimmt hat. Ein freier Wille existierte in diesem Weltbild nicht.
Nun könnte man dies als religiösen Fanatismus abtun. Aber genau diese Prädestinationslehre bekam in den kommenden Jahrhunderten Schützenhilfe aus den, nach dem Mittelalter gerade wieder erwachten, Naturwissenschaften.
So war es Newton, der Begründer der modernen Physik, der die Naturgesetze der Bewegungen von Körpern entschlüsselte. Universelle Gesetzte, die für jeden Körper gleichermaßen gelten und somit jede Bewegung prinzipiell vorherberechenbar, deterministisch macht.
Laplace erfasste später mit der Konstuktion des nach ihm benannten „Laplaschen Dämons“ die philosophische Bedeutung. Diese besagt sinngemäß: Wenn es irgendwo irgendein Wesen gibt, das nur zu einem einzigen Zeitpunkt den Ort und die Geschwindigkeit jedes Körpers kennt, so kann es mit Hilfe der Naturgesetze unser Universum nicht nur in der Vergangenheit sondern auch für alle Zukunft berechnen. Wegen der Eindeutigkeit der Naturgesetzte könnte es keine Alternativen geben, freie Entscheidungen wären prinzipiell undenkbar, da alles schon festgelegt ist.
Aus diesem Dilemma, dass den Menschen jeglichen freien Willens beraubte, half erst vor etwa 100 Jahren Werner Heisenberg mit der Entdeckung der Unschärferelation heraus. Nach dieser ist es unmöglich , gleichzeitig den Ort und die Geschwindigkeit eines Körpers genau zu kennen. Die Kenntnis mindestens einer dieser beiden Größen ist grundsätzlich mit einer gewissen Unschärfe behaftet. Das Geschehen der Welt und damit auch das Verhalten der Menschen unterliegt zwar nach wir vor festen Naturgesetzen, aber die Zukunft ist zu einem gewissen Grad unbestimmt, weil es eben unmöglich ist, die für eine genaue Vorherberechnung notwendigen exakten Informationen über jeden Körper zu kennen.
Wenig später wird dann mit der weiteren Entwicklung der Quantenmechanik klar, dass es in der Natur auch vom Zufall bestimmte Phänomene gibt. Als eines von vielen Beispielen sei hier der radioaktive Zerfall eines Atoms erwähnt. Man kann zwar messen, wie lange eine bestimmte radioaktive Atomart im Mittel braucht um zu zerfallen. Es ist aber völlig unvorhersebar, wann ein einzelnes, von außen nicht beeinflusstes dieser radioaktiven Atome zerfällt. Dies geschieht rein zufällig. Aus heutiger physikalischer Sicht kann man es also als erwiesen ansehen, dass unsere Welt und damit auch wir nicht vorherbestimmt sind, die Prädestinationslehre Calvins widerlegt ist.

Weiterhin völlig ungeklärt ist aber, ob allein die Tatsache, dass die Zukunft nicht vorherbestimmt ist, auch schon beinhaltet, dass es eine Entscheidungsfreiheit gibt. Um uns das zu verdeutlichen, machen wir ein kleines Gedankenexperiment:
Stellen sie sich einen Radfahrer vor, der ohne erkennbares Prinzip in einem Zickzackkurs durch die Darmstädter Straßen fährt, nicht etwa, weil er zu lange auf unserer Kneipe war, sondern weil er an jeder Kreuzung die Richtung, die er einschlägt, von einem Münzwurf abhängig macht. D.h. sein Verhalten ist zwar nicht vorherbestimmt, dennoch liegt ihm keine freie Entscheidung zu Grunde, sondern ein Zufallsereignis.
Ich denke hierbei wird klar, dass Unvorhersehbarkeit, Nicht-Determinismus und Entscheidungs- oder Willensfreiheit zwei grundlegend verschiedene Dinge sind. Die Frage, ob es Entscheidungsfreiheit gibt, ist alleine dadurch noch nicht beantwortet, dass wir jetzt wissen, dass unsere Welt nicht vorherbesimmt ist.

Bisher haben wir das Problem der Willensfreiheit jedoch auf einer rein abstrakten Ebene behandelt, uns gefragt, ob es Willensfreiheit überhaupt gibt und geben kann.
Nun stimmen sie mir sicherlich alle zu, dass es einen erheblichen Unterschied macht, welches Subjekt oder Objekt wir konkret betrachten. Niemand würde diesem Tisch hier oder einem anderen Gegenstand einen freien Willen unterstellen. Beschäftigen wir uns also mit dem vorläufigen Höhepunkt der irdischen Evolution: dem Menschen, einem Wesen, dass über Bewusstsein und Selbsterkenntnis verfügt. Denn diese Frage ist für uns natürlich besonders interessant: Inwieweit besitzen wir selbst Entscheidungsfreiheit.
Zur Klärung dieser Frage, ist es notwendig, einen Blick in unser Gehirn zu werfen. Denn ob frei oder nicht frei, unsere Entscheidungen werden dort getroffen. Das Gehirn besteht – die Biologen mögen mir einige Ungenauigkeiten verzeihen – besteht also im Wesentlichen aus einer Ansammlung von Nervenzellen. Deren Verknüpfungen untereinander sind einerseits durch unsere Gene und äußere Umwelteinflüsse bestimmt, andererseits aber auch durch unsere „geistige“ Vorgeschichte, also wozu wir unser Gehirn in der Vergangenheit eingesetzt haben.
Die Art und Weise, wie diese Nervenzellen miteinander agieren, wie wir denken, hängt nun nicht alleine von dem Aufbau unseres Gehirns ab, sondern auch von der Gegenwart und Konzentration bestimmter chemischer Stoffe. Diese wiederum stehen unter anderem mit unserer Gefühlslage in Zusammenhang, lassen sich aber auch von außen z.B. durch Psychopharmaka beeinflussen.
Diese einfachen Betrachtungen über das menschliche Gehirn legen es bereits nahe, dass wir, wenn überhaupt, nur in einem begrenzten Rahmen frei entscheiden können.
Auch psychologische Untersuchungen bestätigen dies. So sind Fälle bekannt, bei denen sich nach einer physischen Veränderung des Gehirns durch einen Unfall auch das psychische Verhalten stark geändert hat. Betroffene Menschen haben in bestimmten Situationen nach dem Unfall anders gehandelt als in vergleichbaren Situationen vorher. Ihre Entscheidungs-fähigkeit hat sich also durch die Veränderung des Gehirns erheblich gewandelt.
Im kleinen haben viele etwas ähnliches sicher schon selbst festgestellt, wenn sie zuviel Alkohol getrunken haben. Auch hier treffen Menschen oftmals Entscheidungen, zu denen sie im nüchternen Zustand nie fähig gewesen wären.
Es scheint also so, dass jeder Mensch aus der Menge aller denkbaren und möglichen Entscheidungen, durch äußere und innere Einflüsse bedingt, tatsächlich nur einen kleinen Teil zur Verfügung hat. Ich nenne es mal einen persönlichen Entscheidungskorridor.
Wir breit dieser Korridor ist und welchen Anteil der denkbaren Entscheidungen er überdeckt, vermag ich allerdings nicht zu sagen.

Bleibt die Frage nach den Konsequenzen.
Unser gesamtes Staats- und Gesellschaftssystem beruht im Wesentlichen darauf, dass sich eine Gruppe von Individuen mit Entscheidungs- und Willensfreiheit mehr oder weniger freiwillig gesellschaftlichen Zwängen, ethischen Vorstellungen und Gesetzen unterwirft.
Die Erkenntnis, dass diese Entscheidungsfreiheit teilweise erheblich eingeschränkt zu sein scheint, wirft nun einige bedeutsame Fragen auf:
Dürfen wir verschiedene Mitglieder unserer Gesellschaft für die gleichen Taten auch gleich zur Verantwortung ziehen? Selbst dann, wenn wir wissen, dass sie wegen unterschiedlicher biologischer Gegebenheiten auch unterschiedliche Freiheiten bei den zu Grunde liegenden Entscheidungen hatten?
Was passiert, wenn durch wissenschaftliche Fortschritte z.B. auf Grund einer medizinischen Untersuchung voraussagbar wird, welcher Mensch zu welchen Entscheidungen neigt? Dürfen wir die Menschen für Führungspositionen dann nach diesen Kriterien aussuchen? Ist es vielleicht sogar unserer Pflicht, Menschen die ein erhöhtes Risiko zu falschen Entscheidungen besitzen, aktiv daran zu hindern?
Oder sollen wir den Anschein der völligen Freiheit des Menschen wahren, rechtzeitig durch Gesetze verhindern, dass Informationen über die biologische Entscheidungsfähigkeit erhoben und eingesetzt werden?
Sobald dies technisch möglich wird, hätten sicher nicht nur Kriminelle, sondern auch nach Gewinn strebende Wirtschaftsunternehmen und auf Machterhalt zielende Politiker Interesse, ein psychologisches Profil über das Entscheidungsverhalten ihrer Untergebenen zu ihren Zwecken einzusetzen.
Ich denke, es liegt auch ganz besonders in der Verantwortung der Akademiker, derjenigen, die das zukünftige Wissen über das Verhalten des Menschen, sein Gehirn und dessen Berechenbarkeit erforschen, weitergeben und interpretieren, dies vor einem entsprechenden moralischen Hintergrund zu tun.

Fasse ich also abschließend zusammen:
Die Frage, ob es überhaupt Entscheidungsfreiheit gibt, ist bis heute nicht endgültig geklärt. Wir wissen aber inzwischen, dass die Antwort ein Mittel zwischen den beiden Extremen totaler Vorherbestimmung auf der einen und kompletter Willensfreiheit auf der anderen Seite ist.
Weder kann ein Mensch völlig frei entscheiden, da er inneren und äußeren Zwängen unterliegt, noch ist das Handeln eines Menschen absolut vorherberechenbar. Beides – freie Entscheidung und Berechenbarkeit – ist nur innerhalb bestimmter Grenzen möglich.
Diese Grenzen genauer zu bestimmen und vor allem im Interesse unserer Gesellschaft, die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen, wird die Aufgabe unserer und der kommenden Generationen sein.

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